17 March 2026, 00:47

Buhrufe in der Staatsoper: Wenn Wagner auf Celans Todesfuge trifft

Ein Vintage-Plakat mit einer Frau in einem weißen Kleid, die eine Harfe spielt und ein Mikrofon hält, mit dem Text "Geschichten der Wagner-Oper" und einer Menge im Hintergrund.

Buhrufe in der Staatsoper: Wenn Wagner auf Celans Todesfuge trifft

Eine jüngste news aus Stuttgart sorgte für Aufsehen, als Zuschauer eine vfb stuttgart-ähnliche Regieentscheidung mit Buhrufen bedachten. In der dritten Akte kombinierte Regisseurin Elisabeth Stöppler Wagners Vorspiel mit einer Rezitation von Paul Celans Todesfuge, einem Gedicht, das sich mit dem Holocaust auseinandersetzt. Die Reaktion führte zu einer öffentlichen Stellungnahme der Staatsoper Stuttgart, die die Störung als respektlos verurteilte.

Ein Beobachter, der sich an die eigene Empörung über eine Wagner-Inszenierung vor Jahren erinnert, reflektiert heute darüber, wie sich Perspektiven mit der Zeit wandeln können.

Der Vorfall ereignete sich, als Stöpllers Inszenierung Celans beklemmendes Gedicht über Wagners Musik legte. Einige Besucher reagierten mit Buhrufen, woraufhin der Kommunikationsdirektor der Staatsoper Stuttgart, Johannes Lachermeier, das Verhalten scharf kritisierte. Er bezeichnete die Unterbrechungen als zutiefst respektlos – besonders angesichts der Verbindung des Gedichts zur Erinnerung an den Holocaust.

Der Beobachter zog Parallelen zu einer eigenen Erfahrung vor 26 Jahren. Damals hatte er sich über eine Ring-Tetralogie in Stuttgart empört, die von vier verschiedenen Regisseuren inszeniert worden war. Zunächst kollidierte die Umsetzung mit seinem Wagner-Bild und löste bei ihm Abscheu aus. Doch nach einer Nacht des Nachdenkens verwandelte sich sein Ärger in Anerkennung für die mutigen Interpretationen der Regisseure.

Heute zählt genau diese Ring-Produktion zu seinen kostbarsten Opernerinnerungen. Er unterscheidet inzwischen zwischen dem Ausbuhen von Sängern – das er ablehnt – und Buhrufen aus tiefster emotionaler Überzeugung, die er nachvollziehen kann. Zwar respektiert er Lachermeiers Verteidigung der künstlerischen Freiheit, doch erkennt er auch an, wie sich selbst die stärksten Reaktionen mit der Zeit verändern können.

Cashback bei deinen
Lieblingsrestaurants und Services

Kaufe Gutscheine und spare in deinen Lieblingsorten in deiner Nähe

LiberSave App auf Smartphones

Die Staatsoper Stuttgart hat bisher keine neuen Maßnahmen angekündigt, um ähnliche Konflikte über künstlerische Entscheidungen zu entschärfen. Die Debatte zeigt jedoch die Spannung zwischen Tradition und Interpretation in der Oper auf. Für manche reicht eine Nacht des Reflektierens – oder gar Jahrzehnte –, um Empörung in Bewunderung zu verwandeln.

AKTUALISIERUNG

Umstrittenes Todesfuge-Segment wird bei zweiter Aufführung ohne Unterbrechung wiederholt

Berichte deuten darauf hin, dass die zweite Aufführung von Elisabeth Stöpplers Die Meistersinger von Nürnberg ohne weitere Störungen verlaufen ist, obwohl der gesamte Todesfuge-Teil von Paul Celan im dritten Akt abgespielt wurde. Die Oper, die am 2. Februar 2026 uraufgeführt wurde, hatte bei ihrer Premiere starke Zuschauerreaktionen ausgelöst. Während die Staatsoper Stuttgart das Pfeifen als respektlos verurteilte, hat die Produktion die antisemitische Prügelfuge von Wagner weiterhin mit dem Holocaust-themen poem von Celan konfrontiert, indem sie es als absichtliche künstlerische Konfrontation darstellte.