80 Jahre nach Buchenwald: Warum Deutschlands Erinnerungskultur bröckelt
Maximilian Schönland80 Jahre nach Buchenwald: Warum Deutschlands Erinnerungskultur bröckelt
Achtzig Jahre nach der Befreiung Buchenwalds steht Deutschlands Erinnerungskultur vor neuen Herausforderungen. Die Aufarbeitung des Holocaust hat es bis heute nicht geschafft, sich fest im demokratischen Mainstream des Landes zu verankern. Gleichzeitig richten sich Angriffe auf die historische Reflexion längst nicht mehr nur gegen das rechtsextreme Milieu. Die Schriftstellerin und Wissenschaftlerin Ines Geipel untersucht in ihrem neuen Buch "Landschaften ohne Zeugen: Buchenwald und der Bruch des Gedächtnisses" dieses gespannte Verhältnis zur Vergangenheit.
Geipel, Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, forscht seit Langem zur gewalttätigen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ihr bei S. Fischer erschienener Band zeichnet die Entstehung des Konzentrationslagersystems nach und hinterfragt die Mythen, die nach 1945 entstanden. Das Buch fragt auch, warum Trauer und kollektives Gedenken bis heute unvollständig bleiben – selbst nach zwei Diktaturen.
Seit der Wiedervereinigung 1990 hat sich die deutsche Erinnerungskultur von basisdemokratischen Ansätzen hin zu staatlich koordinierten Initiativen gewandelt. Im November 2025 wird die Bundesregierung ein aktualisiertes Gedenkstättenkonzept vorlegen – das erste seit 17 Jahren. Im Fokus stehen digitale Inhalte, Forschung und die Einbindung der Erinnerungskultur in Migrantengemeinschaften. Doch diese Bemühungen fallen in eine Zeit wachsender Feindseligkeit: 2024 stiegen antisemitische Vorfälle um 77 Prozent auf 8.627 registrierte Fälle. Eine Umfrage desselben Jahres zeigte zudem, dass 12 Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland noch nie vom Holocaust gehört hatten.
Auf der Leipziger Buchmesse wird Geipel ihre Erkenntnisse präsentieren, begleitet von Ulrich Gutmair, Kulturredakteur und Autor, der die Veranstaltung moderieren wird.
Die Veröffentlichung des Buches fällt in eine entscheidende Phase für Deutschlands Gedenklandschaft. Während staatliche Institutionen eine modernisierte Erinnerungskultur vorantreiben, drohen Gleichgültigkeit und Feindseligkeit Jahrzehnte des Fortschritts zu untergraben. Geipels Analyse bietet eine zeitgemäße Bestandsaufnahme der Frage, wie – und ob – eine Nation ihre Vergangenheit wirklich bewältigen kann.






