26 March 2026, 00:20

Wie Neslihan Arol im Bavul Café die vergessene Kunst des Meddah neu erfindet

Ein Mann in einem schwarzen Anzug und weißem Hemd und eine Frau in einem langen, wallenden Kleid stehen auf einer Bühne und machen ernste Gesichter, wobei der Mann ein Objekt hält und eine dunkle Treppe im Hintergrund zu sehen ist.

Wie Neslihan Arol im Bavul Café die vergessene Kunst des Meddah neu erfindet

Neslihan Arol lässt im Berliner Bavul Café in Kreuzberg die uralte Kunst des Meddah-Erzählens wieder aufleben. Mit einer Mischung aus Humor, Politik und feministischem Blickwinkel hält sie eine jahrhundertealte Tradition am Leben – und das auf ganz eigene Weise. Die gebürtige Chemikerin und Clownin bietet ihrem Publikum eine einzigartige Kombination aus Satire, Improvisation und mehrsprachigem Witz.

Arols Weg zur Bühnenerzählerin begann fernab der Theaterwelt. Zunächst studierte sie Chemieingenieurwesen, bevor sie sich für einen Master in Schauspiel entschied – mit Schwerpunkt auf Clownerie aus feministischer Perspektive. Seit 2014 verbindet sie in Berlin ihre akademischen Interessen mit der Kunst des Meddah, der Komödie und des Clowns.

Die Tradition des Meddah reicht bis ins osmanische 16. Jahrhundert zurück. Ursprünglich aus der mündlichen Erzählkultur Zentralasiens und des Nahen Ostens entstanden, entwickelte es sich zu einem Ein-Personen-Theater aus Satire und Improvisation. Während der Tanzimat-Reformen wurde der Meddah vom Staat gefördert und erfüllte vielfältige Aufgaben: Er vermittelte Moral, unterhielt das Volk, kritisierte gesellschaftliche Missstände und verbreitete sogar Nachrichten an Analphabeten. Arol lässt diese Kunst wieder aufleben, indem sie in einer einzigen Vorstellung mehrere Figuren verkörpert – mit wechselnden Stimmen, Sprachen und Gesten.

Ihre Auftritte sind lebendig, politisch und zutiefst persönlich. Neben ihr steht ein kleines Teelicht, das die Menschlichkeit der Meddahs symbolisiert: Seine Flamme steht für ein Herz, das von Liebe zu den Mitmenschen entzündet wird und die Gemeinschaft erleuchten soll. Früher nutzte sie eine alte Gaslampe, doch heute markiert die Kerze den Beginn und das Ende jeder Vorstellung. Wenn sie sie ausbläst, bleiben die Geschichten noch lange im Gedächtnis der Zuhörer haften.

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Für Arol ist die Figur des Clowns befreiend. Sie ermöglicht es Frauen, auf der Bühne witzig zu sein, Fehler zu machen und Unvollkommenheit zu zeigen. Diese Freiheit ist zentral für ihren feministischen Ansatz, in dem Humor und Verletzlichkeit Hand in Hand gehen.

Mit ihren Auftritten im Bavul Café hält Arol eine verblassende Tradition lebendig und aktuell. Durch Satire, mehrsprachiges Erzählen und feministische Themen verbindet sie alte osmanische Kunst mit einem modernen Publikum. Das Flackern der Kerze – und ihr letztes Erlöschen – erinnert daran, dass Geschichten wie Flammen weit über ihren Augenblick hinaus weiterleben.

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