"Für den Schock und die Wut habe ich volles Verständnis"
"Für den Schock und die Wut habe ich vollstes Verständnis"
Der Tod des schwarzen Lorenz A. durch einen Polizisten rechtfertigt für Andreas Sagehorn kein generelles Misstrauen gegenüber der Polizei.
- November 2025, 06:17 Uhr
Andreas Sagehorn, Präsident des Polizeidirektion Oldenburg, hat sich zu den wachsenden Vorwürfen von Rassismus innerhalb der Behörde geäußert. Schwarze Bürger:innen der Stadt berichten wiederholt von Diskriminierungserfahrungen durch Beamte, doch viele scheuen sich aus Angst, offizielle Beschwerden einzureichen. Die Debatte war durch den Polizeischuss auf Lorenz A. neu entfacht worden, der öffentliche Empörung und Vorwürfe strukturellen Rassismus auslöste.
Sagehorn, der seit 2024 im Amt ist und auf 40 Jahre Polizeidienst zurückblickt, nimmt die Vorwürfe ernst – weist jedoch die Vorstellung zurück, die Institution sei grundlegend rassistisch.
Die Oldenburger Polizei hat bereits mehrere Maßnahmen gegen Diskriminierung ergriffen: Verpflichtende Antirassismus-Schulungen, regelmäßige Sensibilisierungsworkshops und ein anonymes Meldesystem für Vorfälle von Vorurteilen. Zudem müssen Beamte Kontrollen nun mit nachprüfbaren Gründen begründen – Faktoren wie Hautfarbe oder Herkunft sind ausdrücklich ausgeschlossen. Dennoch zeigte eine von der Polizei in Auftrag gegebene Studie, dass bestehende Abläufe in bestimmten Situationen weiterhin zu diskriminierenden Ergebnissen führen können.
Sagehorn betont, die Polizei könne sich selbst fair untersuchen, da die Fälle von speziell geschulten Beamten bearbeitet werden, die nicht ihre eigenen Kolleg:innen prüfen. Eine unabhängige Kontrollinstanz lehnt er ab und bezeichnet dies als politisches, nicht als praktisches Thema. Zwar erkennt er die Ängste schwarzer Bürger:innen an, bestreitet aber nicht pauschal, dass Racial Profiling in Oldenburg vorkommt. Der jüngste Todesschuss auf Lorenz A. durch einen Beamten in Delmenhorst hat die Kritik weiter verschärft. Gegen den beteiligten Polizisten wurde inzwischen Anklage erhoben, doch Sagehorn hadert mit dem Vorwurf systemischer Voreingenommenheit. Er argumentiert, dass Polizeiprotokolle nicht darauf ausgelegt seien, rassistische Ergebnisse zu produzieren – auch wenn Risiken bestünden.
Seit 2023 hat Niedersachsen das Netzwerk der „Demokratie-Mentor:innen“ innerhalb der Polizei ausgebaut; über 200 Beamte sind derzeit darin geschult, demokratische Werte zu fördern. Bis Ende 2025 soll die Zahl auf 500 steigen, um das Bewusstsein in der Behörde weiter zu stärken.
Trotz der Reformen steht die Oldenburger Polizei weiterhin in der Kritik wegen Rassismusvorwürfen. Sagehorn hält interne Ermittlungen für ausreichend, während Anwohner:innen und Aktivist:innen mehr Transparenz und unabhängige Kontrollen fordern. Mit der nun erhobenen Anklage im Fall Lorenz A. bleibt die Debatte über Polizeipraktiken und Aufsicht ungelöst.