Arzneimittel-Debatte: Deutschlands riskante Abhängigkeit von China spaltet die Branche
Maximilian SchönlandArzneimittel-Debatte: Deutschlands riskante Abhängigkeit von China spaltet die Branche
Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatts entbrannte eine hitzige Debatte über Europas Abhängigkeit von ausländischen Arzneimittellieferungen. Branchenführer und Krankenversicherer stritten darüber, ob die aktuellen Maßnahmen – wie die Bevorratung und Handelsabkommen – die pharmazeutische Zukunft Deutschlands sichern können. Die Diskussionen offenbarten tiefe Gräben bei den Themen Investitionen, Eigenständigkeit und die Risiken der Abhängigkeit von Ländern wie China.
Die deutsche Bundesregierung hatte kürzlich das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) eingeführt, um die Lieferketten der Apotheken zu stärken. Das Anfang 2026 verabschiedete Gesetz ermöglicht es Apotheken, bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept abzugeben. Dennoch kritisierten Branchenvertreter das Fehlen konkreter Pläne zur Verringerung der Abhängigkeit von China oder zur Stärkung der heimischen Produktion.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), argumentierte, dass die Bevorratung von Generika für Hersteller kaum umsetzbar sei. Er betonte, dass die Gesundheitspolitik mit industriellen und sicherheitspolitischen Zielen in Einklang gebracht werden müsse, und warnte, die Verwundbarkeiten Europas würden unterschätzt. Investitionen in Forschung und Produktion seien seiner Meinung nach unverzichtbar für Deutschlands Unabhängigkeit bei der Arzneimittelversorgung.
Tim Steimle, Leiter des Pharmabereichs bei der Techniker Krankenkasse (TK), behauptete, das Regierungsziel einer sechsmonatigen Bevorratung sei in den meisten Bereichen bereits erreicht. Er verwies darauf, dass Rabattverträge zunehmend in Liefervereinbarungen umgewandelt worden seien, auch wenn Kinderarzneimittel eine Ausnahme blieben. Steimle unterstützte zudem ein vorgeschlagenes Freihandelsabkommen mit Indien, um die Versorgungssicherheit zu verbessern.
Thomas Weigold, Deutschlandchef von Sandoz/Hexal, bezeichnete das Indien-Handelsabkommen als 'abwegig'. Zwar könne es wirtschaftlich sinnvoll sein, doch schwäche es die Resilienz bei Generika. Weigold betonte, dass bloße Gespräche Europas starke Abhängigkeit von China bei Antibiotika und Generika nicht lösen würden, und forderte eine deutlich größere Eigenständigkeit.
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), hielt die sechsmonatige Reserve für unzureichend. Er forderte die Politik auf, realistische Krisenszenarien zu definieren und die Abhängigkeit von US-Seehandelsrouten zu verringern. Inanc kritisierte die Annahme, dass dezentrale Lagerung und Beschaffung unverändert bleiben könnten.
Die Krankenkassen hingegen wischten die Bedenken der Industrie als übertrieben vom Tisch. Die Kluft war deutlich: Während die Hersteller dringende Investitionen forderten, hielten die Kostenträger die bestehenden Maßnahmen für ausreichend.
Die Konferenz legte einen eklatanten Gegensatz offen – zwischen denen, die mehr Eigenständigkeit einfordern, und denen, die mit der aktuellen Politik zufrieden sind. Da die Bundesregierung keine unmittelbaren Pläne vorlegt, um die Abhängigkeit von China zu verringern, bleiben die Forderungen der Branche nach Investitionen und Resilienz vorerst unerfüllt. Die Umsetzung des ApoVWG und mögliche Handelsabkommen werden voraussichtlich die Arzneimittelsicherheit Deutschlands in den kommenden Jahren prägen.






